Dr.-Ing.habil. Ord. Univ.-Prof. i.R. Wolf Koenigs
Nachruf auf Wolf Koenigs
Am 8.12.2024 verstarb in München Wolf Koenigs (geb. 10.3.1942 in Ranis/Thüringen), Ordinarius für Baugeschichte und historische Bauforschung an der Technischen Universität München und prägender Vertreter der Klassischen Bauforschung in Deutschland.
Vorbereitet durch eine ganzheitliche Gymnasialbildung (Birklehof in Hinterzarten) entwickelte er früh die Neigung zum Studium der Baukunst in ihren historischen Dimensionen, mit besonderem Schwergewicht auf der Klassischen Antike als Grundlage und Quelle architektonischen Schaffens bis in die Gegenwart. Während des Studiums der Architektur und daneben der Klassischen Archäologie in Bonn, Berlin und vor allem in München (besonders geprägt durch Friedrich Krauss) ergab sich bald die Möglichkeit zum unmittelbaren Umgang mit den historischen Objekten selbst: zuerst im Praktikum, das er als Steinmetzlehrling in der Kölner Dombauhütte leisten konnte, bald aber auch als studentische, dann wissenschaftliche Hilfskraft bei Unternehmungen des DAI in Athen (1963-67, Kerameikos-Grabung). Dort begann das lebenslange freundschaftliche Zusammenwirken mit Gottfried Gruben, das schließlich (1994) in die Nachfolge auf dessen Münchner Lehrstuhl münden sollte. In diesem Umfeld formte sich Koenigs‘ eigene Vorstellung von der archäologischen Bauforschung als vornehmlich historische Disziplin, in der genaue Beobachtung und Darstellung des Forschungsgegenstandes nur im Rahmen der Gesamtheit der altertumskundlichen Disziplinen Erkenntnisgewinn verspricht.
In diese ‚Lehrzeit‘ nach dem 1969 mit dem Architekturdiplom abgeschlossenen Hochschulstudium fiel auch die vom DAI verliehene Stipendiatenreise (1971-72) durch weite Bereiche des Klassischen Welt, auf der Koenigs‘ waches Auge sich bereits in manch wichtiger Entdeckung bewährte: so etwa der für die Diskussion über die frühdorische Ordnung bedeutungsvolle plastische Dekor der Kapitelle des archaischen Heratempels im seit den Anfängen der Grand Tour bekannten und studierten Paestum (AA 1972). So entstand auch seine Dissertation (1972, publ. in Kerameikos XII, 1980), in der ein Komplex von im Dipylon wiederverwendeten Spolien die Rekonstruktion eines für die archaische Baugeschichte singulären monumentalen Grabbaues erlaubte. Seine nächste wichtige Monographie zur „Echohalle“ am Ostrand der Altis von Olympia (1984) gilt heute noch als mustergültig und lässt ein weiteres Interessenfeld aufscheinen, das seine künftige Arbeit stets begleiten sollte: Die dorische Säulenhalle, die ab spätklassischer Zeit zu einem wichtigen Instrument städtebaulicher Planung wurde.
Es folgte eine neue Orientierung hin zur Praxis des Erhalts der historischen Substanz unserer Städte mit seiner Tätigkeit im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD, 1982-1989). Als Gebietskonservator für Stadt und Kreis Regenburg wurde Koenigs nun im Alltagsgeschäft eines Denkmalpflegers tätig, in einer Phase, die maßgeblich durch den Übergang von der „schöpferischen“ zur wissenschaftlichen Denkmalpflege unter der Ägide des Generalkonservators M. Petzet geprägt war. Während dieser Zeit habilitierte sich Koenigs 1987 an der TU München mit einer Schriftensammlung zu seinen früheren Forschungen.
Gleichzeitig blieb aber sein Interesse an den griechischen Forschungen lebendig, mit besonderem Schwerpunkt auf der Ägäis und in Kleinasien, wo die großen ionischen Dipteroi die frühe Baukunst beherrschen. Koenigs allerdings richtete seine Aufmerksamkeit systematisch auf eine begrenzte, aber künstlerisch herausragende Zahl von Fragmenten der Ordnungen und des Bauschmucks, zunächst in Milet im Rahmen der deutschen Forschungen unter seinem Mentor Müller-Wiener (ab 1977), dann in anderen Poleis von Kyzikos an der Propontis bis ins griechische Emporion Naukratis im Nildelta, um die Vielfalt der ionischen Architektursprache und, im Praktischen, das Wirken und Wandern der Werkstätten besser zu verstehen: und dies, wo möglich, durch sehr genaue Aufnahme und Einzelstudium wesentlicher Stücke, ergänzt um eine übergreifende „Bestandsaufnahme“ auf dem Panionion-Symposion 1999 (Mainz 2007).
So war es nur natürlich, dass er 1989 zum Ersten Direktor der Istanbuler Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts berufen wurde, um die traditionsreichen deutschen Unternehmungen in der Türkei fortzuführen bzw. neu zu beleben. In dieser Zeit wurde Priene zu seiner zentralen Wirkungsstätte, die ihn bis in seine späten Jahre hinein beschäftigen sollte. Im Zentrum seiner eigenen Arbeit stand das detaillierte Studium des der Athena geweihten Haupttempels der Stadt, der seit jeher als Höhepunkt und Musterbeispiel des ionischen Baustils (spät)klassischer Zeit angesehen wird. Ihm ist auch Koenigs‘ wissenschaftliches Hauptwerk gewidmet, mit dem er 2015 einen neuen und wohl auch in absehbarer Zeit nicht mehr zu erreichenden Standard für die Publikation eines griechischen Tempels gesetzt hat. Gleichzeitig initiierte und betreute er mehrere Einzeluntersuchungen an wichtigen Bauten bzw. zu zentralen Fragen der Stadtgeschichte und entwickelte Priene dadurch, zuletzt gemeinsam mit W. Raeck an der Universität Frankfurt, zu einem lebendigen „Labor“ für die antike Stadtforschung, an dem Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen – über die „klassischen“ Altertumsforscher bis hin zu Geologen und Wasserbauingenieuren – regelmäßig ins Gespräch kamen.
Parallel dazu entwickelte Koenigs ein feinsinniges Konzept verschiedener kleinerer Restaurierungs- und Anastylosemaßnahmen in Priene, die in erster Linie dem möglichst flächendeckenden Erhalt und der besseren „Lesbarkeit“ der ausgedehnten Ruinenstätte dienen sollte, ohne den zauberhaften Charakter des Ortes etwa durch allzu schwerwiegende Eingriffe zu verändern. Im Zentrum der Arbeiten stand dabei die behutsame, von eingehenden Forschungen begleitete Restaurierung des Theaters gemeinsam mit J. Misiakiewicz (Mainz 2007), aber auch Gebälkproben und Informationstafeln, in Verbindung mit gezielten Verbesserungen der Wegeführung gehörten in das durchdachte Gesamtkonzept, das im Kern bis heute dort weitergetragen wird.
Priene blieb auch weiterhin zentrale Wirkungsstätte von Wolf Koenigs, als er im Jahr 1994 den Lehrstuhl für Baugeschichte an der TU München übernahm. Durch die regelmäßige Einbindung Studierender sowohl in der Forschung als auch bei den Restaurierungen in Priene entwickelte sich der Ort bis zu Koenigs‘ Emeritierung 2006 zu einem inspirierenden, lebendigen Zentrum der Nachwuchsförderung im Bereich der archäologischen Bauforschung, an dem zahlreiche Studienarbeiten und zwei Dissertationen entstanden. Im Geiste der bis dahin fast ausschließlich auf die Antike ausgerichteten Forschung des Münchner Lehrstuhls sind auch die meisten weiteren von Koenigs betreuten Dissertationen im Feld der griechisch-römischen Baugeschichte überwiegend im Mittelmeerraum angesiedelt, mit einem weiten zeitlichen und thematischen Spektrum von archaischer Tempelarchitektur bis hin zu römischem Städtewesen. Aber auch jenen Studierenden der Architektur, die sich später nicht der Bauforschung zuwandten, gab er als nahbarer Mentor vieles Weises mit auf den Weg.
In seine Zeit an der TU München fielen auch verschiedene außeruniversitäre Gremientätigkeiten, darunter Mitgliedschaften in der Zentraldirektion des DAI (2001-2010) und im Vorstand der Koldewey-Gesellschaft (1996-2000 und 2002-2006), die davon zeugen, wie er sich zunehmend auch verantwortlich gefühlt hat für die Zukunft des Faches der Historischen Bauforschung. Seine unverdrossen vorgetragene Forderung, dass archäologische Grabungsteams stets auch spezifisch vorgebildete Bauforscher enthalten sollten, wirkt bis heute nach.
Bei seinen zahlreichen Publikationen folgt man dem Autor gern in manchen seiner quer durch sein Gesamtwerk, bisweilen auch ganz pointiert durch die ausgesuchten Rezensionen gehenden, zugleich kritischen und konstruktiven, Gedanken zu den Methoden und Zielen der Erforschung antiker Architektur (Gnomon 57, 1985. 69, 1997). Dies besonders wenn man seinen scharfen und oft mit treffendem Humor gewürzten Intellekt, sicher seines breiten Wissens, schon in anderen, bisweilen fast essayhaften, weit über die einzelnen Baukomplexe hinausgehenden Betrachtungen schätzen gelernt hat. Ob es dabei um Fragen des Entwurfs (s.o.) und der politischen Implikationen der Vergabeverfahren (Syngraphai, 2012), die ästhetischen Probleme der Oberflächengestaltung und Erscheinung der Bauwerke (2008) ebenso wie ihrer räumlichen Wirkung und die Rolle der meist nur schwer rekonstruierbaren Decken der Ruinen (2011) ging: stets um Wesentliches, mit einer Leichtigkeit vorgetragen, die bisweilen zum reinen intellektuellem Genuss wird, wenn man etwa den Essay mit dem signifikanten Titel „Volute – Nautilus – NURBS“ (2012) über die ionische Volute liest. Gleiches gilt, neben der Treffsicherheit der einschlägigen Beobachtungen selbst – und dem sprechenden Titel „Lehrjahre in Ägypten“, etwa für seinen Beitrag zur wieder aktuellen Diskussion über die Wirkung Ägyptens auf die griechische Baukunst (2004). Sein zunehmend weiter Blick über die Baukultur des Altertums als künstlerische Disziplin wurde dabei stets befördert von der besonders fruchtbaren Zusammenarbeit mit Hanna Philipp-Koenigs, die auch im wissenschaftlichen Leben immer seine engste Gesprächspartnerin war. Neben diesen archäologisch-analytischen Publikationen entstand aus derselben Hand aber auch der an ein breites Publikum gewandte, in seinem Gehalt jedoch nicht weniger anspruchsvolle Artemis-Führer durch die Westtürkei „Von Troia bis Knidos“ (München 1987): eine verantwortungsbewusste Hinwendung des Forschers und Denkmalpflegers an das immer größer werdende touristische Publikum.
Nur wenig von dem, was Koenigs sich an Publikationen vorgenommen hatte blieb letztlich unvollendet: Am schmerzlichsten ist die immer noch ausstehende Publikation des Zeustempels von Olympia, der ja gewissermaßen als „Kanon“ des frühklassischen dorischen Tempels gilt. Koenigs hatte die von Grunauer begonnenen Forschungen bereits 1997 wieder aufgenommen und bis zu seinem Tod beharrlich an der Zusammenstellung des großen Gesamtwerkes gearbeitet, in dem dann auch das prominenteste Bauwerk der dorischen Welt seine zeitgemäße Darstellung finden soll. Dieses herauszugeben, bleibt nun eine unaufschiebbare Verpflichtung.
Alexander von Kienlin und Dieter Mertens
Vita
1962 Praktikum als Steinmetz an der Dombauhütte in Köln
1962-1969 Studium der Architektur an den TU München und Berlin
1972 Promotion in Baugeschichte an der TU München
1987 Habilitation für Baugeschichte an der TU München
1972-1981 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DAI Athen und DAI Istanbul
als Bauforscher in den Grabungen: Kerameikos/Athen, Olympia,
Milet, Pergamon, Priene.
1982-1989 Referent (Konservator) für Bau- und Kunstdenkmalpflege beim
Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) in München
(zuständig für Regensburg, Stadt und Landkreis. Orient)
1989-1994 Erster Direktor der Abt. Istanbul des DAI
1994-2006 Ordinarius für Baugeschichte und Bauforschung an der TUM
2006 Ruhestand
Projekte
Im Rahmen des Lehrstuhls für Baugeschichte:
Bauforschung, Ausgrabung und Restaurierung in Priene/Türkei. Kooperation mit DAI-Istanbul 1994-2006
14 Abgeschlossene Dissertationen
In Arbeit:
Die Kapitelle des Maussolleion von Halikarnass (Bodrum/Türkei) Koop. mit Syddansk Universitet, Odense ab 2010
Der Zeustempel von Olympia, Bauaufnahme und Publikation (mit A. Hennemeyer). Koop. mit DAI und Förderung durch DAI und Thyssen Stiftung ab 2004
Das Hadriansmausoleum (Engelsburg) in Rom (Diss.-Projekt T. Lange) in Koop. mit DAI Rom und Soprindendenza Stadt Rom
Das Terrassenheiligtum von Terracina (Diss.-Projekt mit Stefan Franz) in Koop. mit DAI Rom und Soprintendenza. Förd.: Stifterverband.
Publikationen (Auswahl)
Eigenständige Schriften:
J. Summerson, Die klassische Sprache der Architektur (deutsche Bearbeitung) Bauwelt Fundamente 1983
Die Echohalle von Olympia. Olymp. Forschungen 14, 1984
Die Architektur des alten Jerusalem auf G. Fugels Panorama in Altötting, in: Arbeitshefte des BLfD, 48, 1990
Westtürkei. Von Troja bis Knidos. Artemis-Cicerone, 1.-5. Auflage 1984-1993
Die Samsarat al Mansuria in Sana'a, Jemen (Beitrag und Hrsg. mit M. Petzet) Arbeitshefte des BLfD 70, 1990
A. Schumacher – J. Misiakiewicz, Priene. Die Restaurierung des Theaters (Beitrag und Hrsg.) TUM 2007
Der Athenatempel von Priene (vorauss. 2015)
ca. 45 Aufsätze zu Bauforschung, Denkmalpflege und Archäologie
(s. Bibliographie ZENON des DAI über und die Jahrbücher der TUM (bis 2007)
Herausgeber:
Maß/Ziffer/Zeit – Augenschein und Wirklichkeit (Hrsg. mit R. Wittenborn) TUM 2003
G. T. Mader, Angewandte Bauforschung (Hrsg.) TUM 2005
G. Gruben, Klassische Bauforschung, 2007 (Hrsg.)
A. Hennemeyer, Das Athenaheiligtum von Priene, 2013 (Hrsg.)