Projekte Wintersemester 2023

see better fields

Finding Fine Forms

Relevanz. Deutschland hat sich im Rahmen der europäischen Klimaschutzverordnung verpflichtet die Treibhausgasemissionen bis 2030 zu reduzieren[1]. Der Ausbau Erneuerbarer Energien (EE) ist dafür unabdinglich. Die Herangehensweisen sind stark umstritten und spiegeln sich im Widerstand aus Bevölkerung und Politik und daraus resultierender endlos erscheinender Planungsverfahren wider. Der Wandel der Landschaften polarisiert und die Zeit ist knapp. 

Aktuelle Praxis der Planung ist vor allem durch abschichtende Verfahren gekennzeichnet. Ausschlusskriterien und Bewertungen des Schadens in unterschiedlichen Landschaften bestimmen die Planungen. Räumliche Strukturkonzepte fehlen und Synergieeffekte für die Bevölkerung und die Biodiversität werden nur am Rande behandelt. Innerhalb des Semesterprojekts see better fields fragen wir uns: wie können wir als Landschaftsarchitekt:innen die Energiewende mitgestalten? Wie können wir rasch neue und kreative Lösungen für eine nicht nur ökonomisch und ökologisch, sondern auch sozial und ästhetisch gute modere Landschaft entwickeln? Wie können EE-Anlagen diese Landschaft sogar strukturell bereichern, neue Zusammenhänge schaffen, aber auch echte Vielfalt und Unterschiedlichkeiten (Differenz) zulassen?

LAREG forscht schon lange zur besseren Integration von Windenergie- und Solaranlagen in die Landschaft. Neue Möglichkeiten zur Verbindung von neuer Technologie und bestehender Landnutzung liegen in der Agri-Photovoltaik oder dem Floating-PV. Auch hier fragen wir nun: welche Dichte, Texturen und Proportionen entstehen, wenn die Gestaltung von EE aus der aktuellen kulturhistorisch entstandenen Landschaft mit ihren individuellen Anforderungen und Eigenschaften gedacht werden?

 

Thema. Das Projektstudio fokussiert den Entwurf und die Integration Erneuerbarer Energien in alltäglichen und kulturhistorisch bedeutsamen Landschaften. Dabei soll sich sowohl auf konventionelle Technologien (Windenergieanlagen, PV) als auch innovative (Floating-PV, Agri-PV)[2]  konzentriert werden. Das zu betrachtende Projektgebiet spannt sich zwischen dem Elbtal, Wörlitz und Wittenberg bis Bitterfeld-Wolfen, der Dübener Heide und dem Köthener Ackerland auf. Diese Landschaft ist durch viele identitätsstiftende Spuren unterschiedlicher Zeiten geprägt, die ein Neben- und Übereinander diverser Texturen ergeben: 

. Kulturhistorisch - Die Schlösser und Gartenanlagen, das Muldetal und die rekultivierten Elbauen des UNESCO Weltkulturerbes „Gartenreich Dessau-Wörlitz“ weisen auf die Einflüsse des ehemaligen Fürstentums Anhalt und der Kursachsen hin.
. Industrialisiert - Das einst intensiv genutzte Tagebaugebiet um Bitterfeld und der damit einhergehende Einfluss des Chemiedreiecks[3] bedingte eine starke Veränderung der Landschaft.   
. Touristisch - Als Nachfolge des Tagebaus entstand eine touristische Seelandschaft. Relikte der Industrialisierung (z.B. Stadt aus Eisen „Ferropolis“) weisen bis heute auf die einstige Nutzung hin. 
. Dimensioniert - Spuren landwirtschaftlicher Kollektivierung aus der DDR-Zeit äußern sich durch große Schläge, die im Zuge der Zusammenfassung von Produktionsflächen (LPGs) entstanden[4]
. Produktiv – Die heutige intensive landwirtschaftliche Nutzung nimmt circa 50% der Fläche in Anspruch. 
. Zukünftig? - Solar- und Windparks stellen einen immer präsenter werdenden Strukturgeber dar und gehen mit einem grundlegenden Landschaftswandel einher.  
Dies führt zu der aktuellen Frage: Welche neuen Landschaften, die in ihrer Gesamtheit alle unterschiedlichen Ansprüche und Strukturen vereinen, wollen wir prägen?

Um dieser grundlegenden Frage zu begegnen, wird weiterhin untersucht: Wie kann auf der einen Seite das Bewahren historisch bedeutsamer Weltkulturerbestätten und auf der anderen Seite die notwendige Transformation der Landschaft und Integration neuer Strukturen gelingen? Von einer großräumigen Analyse bis zum Entwurf im Maßstab 1:1 sollen dabei regionale Konzepte mit Blick auf eine zukünftig nachhaltige Landschaftsentwicklung entwickelt werden. 

[1] Klimaschutzgesetz (KSG); § 2 Absatz 4 Satz 1 KSG
[2] LAREG koordiniert aktuell das Forschungsprojekt „GrowFlowFly“, welches sich mit der gesellschaftlichen Akzeptanz innovativer Technologien beschäftigt. Verknüpfung Webseite?
[3] Landesportal Sachsen-Anhalt (2023): Wirtschaftsstruktur. URL: https://lha.sachsen-anhalt.de/benutzung/ueberlieferungsschwerpunkte/1945-1990 (zuletzt aufgerufen am 04.10.2023).
[4] Kleinhardt, J. (2015): Verwaltungsreformen und Kollektivierung der Landwirtschaft in der jungen DDR. URL: https://www.ddr-museum.de/de/blog/archive/verwaltungsreformen-und-kollektivierung-der-landwirtschaft-der-jungen-ddr. (zuletzt aufgerufen am 04.10.2023)

Aufgabe. Im Wintersemester 23/24 suchen wir nach Konzepten, die der Frage nach der Integration Erneuerbarer Energien als Strukturgeberinnen einer sich weiter entwickelnden Landschaft nachgehen. Im Sinne Lefebvres sollen Raumstrukturen sowohl Zusammenhang und Versammlung und gleichzeitig Vielfalt und Differenz ermöglichen[5]. Elemente und Strukturen im Raum, wie EE, sollen nicht das Trennende, sondern das Verbindende in der Landschaft verstärken. In diesen Eigenschaften sollen EE als Teil der Kulturlandschaft gleichermaßen mit ihr (weiter) entwickelt werden.  

Dabei können die Entwurfsgruppen Lösungen auf frei gewählten Maßstäben (1:25.000 - 1:1) erarbeiten – auf regionaler / lokaler / städtebaulicher / objektplanerischer oder Detail-Ebene.

[5] Schmölz, Michael (2018): Zum Gebrauchswert einer Landschaft. In: Schöbel (HG) (2018): Landschaftsvertrag. Zur kritischen Rekonstruktion der Kulturlandschaft. Berlin: JOVS Verlag GmbH, S. 210.

Master Integration

Mastergruppen vertiefen im Rahmen einer zusätzlichen praktischen Ausarbeitung ihre Entwürfe. Der Fokus soll hierbei auf der Konstruktion und Statik innovativer (Agri-)PV-Module liegen. Dabei können eigene Modelle und technische Zeichnungen entwickelt werden. Ferner zielt die Vertiefung darauf ab, realistische Darstellungsformen zu entwickeln, die die Visualisierung der neuen Module vielschichtig abbilden (Collagen, 1:1 Modelle, Detailmodelle, 3D Modelle, etc.). 

Theoretischer Hintergrund

Im Rahmen der Projektplattform befassen wir uns mit Aldo Rossi, André Corboz sowie Henri Lefèbvres Positionen zu
… Palimpsest und Permanenz
… Schnitt und Naht 
… Natur und Kultur
… Textur, tissue paysage
… Landschaft als Werk (Oeuvre)

Corboz, André. 1983. Das Territorium als Palimpsest.
. Rossi. Aldo. 1966. The Architektur der Stadt. 
. Schöbel, Sören. 2018. Landschaftsvertrag. Zur kritischen Rekonstruktion der Kulturlandschaft. (Kapitel: Einleitung)
. Henri Lefèbvres (Lefèbvre, Henri. 1968. Recht auf Stadt.)

Projektphasen

Alle Termine finden regulär Montags um 13:30 Uhr statt. Angaben können sich noch ändern. Zu inhaltlichen Schwerpunkten in den drei Phasen siehe: Entwurfsprojekte im regionalen Maßstab.

Phase 1 Entwerferische Analyse
In der Entwerferischen Analyse geht es um das intensive Kennenlernen des Raumes und der Umgebung – zentral während dieser Phase ist die Exkursion. Während der Exkursion nähern wir uns den konkreten Analysethemen der Gruppen wie auch ihren ausgewählten Projektgebieten und thematischen Schwerpunkten.

Planerisches Ziel kann sein…
. Landschaften zu verstehen und zu charakterisieren (Raumtypen)
. Texturen der Landschaft als Ergebnis von Tätigkeiten und Techniken der Landnutzungen zu erfassen 
. Gestaltbare Formen, Funktionen und Konstruktionen typologisch zur erkennen (Entdecken eines Entwurfsrepertoires)
. Erste Ideen und Konzepte zu entwickeln

 PHASE 2 Konzept.
Aufbauend auf den Ergebnissen der Analyse und unter Berücksichtigung von sozialen, ästhetischen, ökologischen und ökonomischen Zielen der Landschaftsentwicklung soll ein räumliches Konzept & -programm entwickelt werden, das auf einzelnen Kulturlandschaftselementen und Landschaftsstrukturen und/oder ihren Zusammenhängen basieren kann. 

PHASE 3 Entwerfen von Strukturen.
In Phase 3 werden auf regionaler, städtebaulicher, objektplanerischer und/oder Detail-Ebene (Maßstab 1:25.00 – 1:1) Entwürfe von Elementen/Strukturen und/oder Strukturzusammenhänge erarbeitet, immer unter Berücksichtigung des erarbeiteten Konzepts und einer konsistenten Landschaftsentwicklung.

Herangehensweise und Durchführung. 
SKIZZIEREN. Skizzieren der Räume/Landschaft mit Bleistift auf Transparentpapier über (topographischen) Karten und Luftbildern. Durchzeichnen, Elemente suchen und Typen bilden.
ANALYSIEREN. Es werden digitale Charakterkarten (GIS) erstellt, die Bedeutung der Räume/Landschaften und die aus eurer Sicht prägenden und typischen Landschaftselemente zusammengestellt.
KONSTRUIEREN. Elemente und Strukturen von Erneuerbaren Energien werden in all ihren Dimensionen erfasst und als Baustein von Texturen der Landschaft variiert.
ENTWERFEN. Zusammenführung und Überlagern der digitalen Daten und skizzierten Strukturen in Landschaftsideen.

Termine

Betreuungen immer montags, ab 13.30 Uhr

Mo. 16.10. Bachelor Projekteinführung (16 Uhr) und Master Projekteinführung (16 bzw. 17 Uhr)      

Di. 31.10- Fr. 03.11.2023: Exkursion (Präsentation der Referate vor Ort)                  

Mo. 27.1. Präsentation Entwerferische Analyse (am gedruckten Plan)

Mo. 18.12. Präsentation Konzept (Pecha Kucha am Beamer), Kaminabend Erneuerbare Energien: Forschung LAREG

Do. 08.02. Schlusspräsentation

Do. 22.02. Abgabe Integration (nur Master) digital als Upload