Transformation durch modernistische Freiräume
Freiräume in Wohnquartieren der Sowjetmoderne als Potenzial für eine nachhaltige Stadtentwicklung – Alytus, Litauen

Master Thesis AR (Englisch) · Wintersemester 2022/23 · Aidas Kazakevicius
Eine der zentralen Herausforderungen litauischer Städte ist der zukünftige Umgang mit den Wohnquartieren der Sowjetmoderne. Sie entstanden zwischen 1960 und 1990 während einer Phase starken Bevölkerungswachstums. In dieser Zeit entwickelte sich Alytus von einer Kleinstadt mit rund 12.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu einem bedeutenden Industriestandort mit etwa 76.000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Seit 1990 schrumpfte die Bevölkerung wieder auf rund 50.000 Menschen. Dennoch leben bis heute etwa 65 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner in den Wohnquartieren der Sowjetmoderne.
Mit zunehmendem Alter verlieren diese Quartiere an Attraktivität. Die baulichen Strukturen können den veränderten Anforderungen an Wohnen, Komfort und Privatsphäre nur eingeschränkt gerecht werden. Viele Menschen ziehen deshalb an den Stadtrand, wodurch sich das negative Image der Quartiere verstärkt und die Zersiedelung weiter voranschreitet.
Ein Abriss oder eine grundlegende Neuordnung der Wohnquartiere ist aufgrund der privaten Eigentumsverhältnisse kaum realisierbar. Gleichzeitig bietet ihre modernistische Planung große Potenziale: weitläufige Freiräume, großzügige Grünflächen, ehemalige Kindergärten sowie Garagenanlagen eröffnen zahlreiche Möglichkeiten für eine nachhaltige Weiterentwicklung der Stadt. Die Arbeit untersucht, wie diese vorhandenen räumlichen Ressourcen als Grundlage einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung genutzt werden können.
I. Das grüne Netzwerk
Auf gesamtstädtischer Ebene entwickelte die Arbeit ein zusammenhängendes Grünes Netzwerk, das Freiräume miteinander verbindet und Funktionen für Mobilität, Erholung und Ökologie übernimmt. Ein dichtes Netz neuer Fuß- und Radwege sowie sinnvoll ergänzte Bushaltestellen stärkt die nachhaltige Mobilität. Bestehende Grünflächen entlang dieser Wege werden qualifiziert und differenziert, um vielfältige ökologische und freiraumbezogene Funktionen zu übernehmen. Das Konzept knüpft an den ursprünglichen modernistischen Gedanken zusammenhängender Freiräume an und versteht zukünftige bauliche Entwicklungen als Teil dieses räumlichen Netzwerks.
II. Quartiersimpulse durch ehemalige Kindergärten
Auf Quartiersebene werden ehemalige Kindergärten zu neuen Orten des gemeinschaftlichen Lebens weiterentwickelt. Im Untersuchungsgebiet befinden sich neun ehemalige Kindergärten, die überwiegend weiterhin der Stadt gehören und heute von sozialen Einrichtungen, Bildungsträgern oder gemeinnützigen Organisationen genutzt werden oder leer stehen.
Die Arbeit entwickelt neue Nutzungen, die das Quartiersleben stärken und unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ansprechen. Ein ehemaliger Kindergarten wird zu einem Zentrum für Co-Working, Lernen und Kreativität mit einem neuen architektonischen Schwerpunkt umgestaltet. Ein weiterer Standort entwickelt sich zu einem Wohncampus mit gemeinschaftlichem Innenhof, Kolonnaden, einer Quartiersgarage sowie Angeboten kleiner Betriebe und Auszubildender des Berufsbildungszentrums.
III. Nachverdichtung
Entlang des Grünen Netzwerks identifiziert die Arbeit geeignete Standorte für eine behutsame Nachverdichtung. Bestehende Gebäude werden umgenutzt und durch neue Baukörper ergänzt, um zusätzliche Wohnformen und urbane Nutzungen zu schaffen. Vorhandene Garagen werden aufgestockt und zu Reihenhäusern oder gewerblichen Nutzungen umgebaut. Gleichzeitig bieten die Brandwände der Plattenbauten Potenzial für bauliche Erweiterungen.
Durch das Zusammenspiel von Bestand und Neubau werden die öffentlichen Räume des Grünen Netzwerks räumlich gefasst und aktiviert. Private Investitionen in diese Entwicklungen schaffen zugleich die Grundlage für die Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur.
Die Arbeit zeigt, wie gezielte Eingriffe in bestehende Freiräume und Gebäude zu einer lebendigen und nachhaltigen Stadtentwicklung beitragen können. Ein leistungsfähiges Netz nachhaltiger Mobilität, qualifizierte Grünräume und gestärkte Quartierszentren bilden dabei die Grundlage für die zukünftige Entwicklung von Alytus.





