capannoni COMMONS Adige
Alltagsorte zwischen Gewerbe und Kulturlandschaft entlang der Etsch
Luftbild: Airbus, CNES / Airbus, Maxar Technologies, kartendaten 2026 (bearbeitet); Foto: Google Street View (bearbeitet)
Gewerbegebiete werden üblicherweise als Räume der Produktion, des Handels und der Logistik verstanden. Tatsächlich erfüllen sie jedoch längst weit mehr Funktionen. Zwischen Hallen, Lagerflächen und Verkaufsräumen haben sich Nutzungen etabliert, die selbstverständlich zum Alltag vieler Menschen gehören: Nicht nur Orte der Arbeit und des Einkaufs, sondern auch des Sports, der Freizeit, der Begegnung und des Vergnügens. Ihre soziale Bedeutung bleibt jedoch häufig unsichtbar, da die räumliche Organisation dieser Gebiete fast ausschließlich funktionalen Anforderungen folgt.
Diese Situation zeigt sich auch entlang der Etsch nördlich von Verona. Zwischen Weinbergen, Verkehrsachsen und Gewerbestandorten haben sich vielfältige Alltagspraktiken entwickelt, die für das Leben in der Region prägend sind, räumlich jedoch kaum Ausdruck finden. Hier wird deutlich, dass Gewerbegebiete weder Dorf noch Stadt sind. Ihre unscheinbare Attraktivität verweist auf Qualitäten und Nutzungsmöglichkeiten, die bislang nur unzureichend verstanden und gestaltet werden.
Klimawandel als Anlass zur räumlichen Transformation
Mit dem Klimawandel gewinnt die Suche nach Visionen für diese Gebiete neue Dringlichkeit. Die Begrenzung des Flächenverbrauchs erfordert, Wachstum und Transformation zunehmend innerhalb bestehender Gewerbestandorte zu organisieren. Gleichzeitig machen Hitzeperioden im Wechsel mit Starkregenereignissen neue Formen der Klimaanpassung notwendig. Gewerbegebiete verfügen hierfür über erhebliche räumliche Potenziale. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, wie Klimaanpassung standardisiert in diese Gebiete eingefügt werden kann, sondern wie sie die spezifischen räumlichen und sozialen Eigenschaften des jeweiligen Ortes weiterentwickeln kann.
Darin liegt eine besondere Chance: Die klimatische Umgestaltung von Gewerbegebieten kann Ausgangspunkt einer umfassenderen räumlichen Transformation sein. Der Umbau eröffnet die Möglichkeit, die Bedeutung dieser Orte für ihre Nutzerinnen und Nutzer sichtbar zu machen. Wie können Gewerbegebiete – in denen Freiräume neugestaltet, Flächen entsiegelt, Vegetation etabliert oder Regenwasser zurückgehalten wird – dabei zu multifunktionalen Räumen werden, ohne ihre schroffe Eigenart und Vielschichtigkeit zu verlieren? Wie können gemeinschaftliche Freiräume als COMMONS entstehen?
Kulturlandschaft als räumliche Strategie
Das Projekt capannoniCOMMONS betrachtet Gewerbegebiete nicht als Gegenbild zur Landschaft, sondern als Teil der Kulturlandschaft. Landschaft wird nicht als Kulisse verstanden, sondern als Ansatz für die Transformation der Standorte selbst. Hier entsteht die Möglichkeit, Gewerbegebiete als neue Stadt- oder Landschaftsbausteine mit ihren sozialen Qualitäten neu zu denken. Retention, Verschattung, Vegetation und öffentliche Freiräume dienen dazu, neue Beziehungen zwischen Arbeit, Alltag und Landschaft zu schaffen und zusätzliche Nutzungsmöglichkeiten zu eröffnen.

Das Etschtal
Das Untersuchungsgebiet liegt entlang der Etsch nordwestlich von Verona. Es verbindet die Weinbaulandschaft des Valpolicella mit den Moränenhügeln am Übergang zum Gardasee und der Veroneser Ebene. Gleichzeitig bündeln sich hier die wichtigsten Infrastrukturen der Region: Bahnlinie, Brennerautobahn und überregionale Verkehrsachsen folgen dem Talraum der Etsch.
Lokale Produkte
Während im Valpolicella der Weinbau die Kulturlandschaft prägt, spielen im Talraum auch die Marmorindustrie sowie zahlreiche Handels- und Dienstleistungsbetriebe eine bedeutende Rolle. Beide Produktionszweige benötigen Logistik, Vertrieb und Verkauf. In ihrem Umfeld entstanden Gewerbegebiete, die heute weit mehr beherbergen als Produktions- und Lagerhallen.
Freizeitnutzung
Neben Handel und Dienstleistungen finden sich hier Freizeit- und Vergnügungsangebote, Sporteinrichtungen, Gastronomie und zahlreiche Nutzungen, die in den historischen Ortskernen keinen Platz mehr finden oder dort nicht gewünscht sind. Möglicherweise liegen die eigentlichen „Geheimtipps“ der Region gerade hier. Die Gewerbegebiete des Etschtals sind deshalb nicht nur Wirtschaftsräume, sondern gelebte Alltagsorte.
Gesucht wird eine ortsspezifische und überzeugende Antwort auf die Frage:
Klimaanpassung ist überall notwendig. Wie kann sie zugleich zu einer Chance werden, das soziale Leben in Gewerbegebieten zu stärken – indem bestehende, teilweise verborgene soziale Nutzungen in den Freiraum erweitert werden? Und wie können wir diese Gebiete gleichzeitig stärker mit der sie umgebenden Kulturlandschaft verweben?
Ziel des Entwurfs ist die Entwicklung neuer räumlicher Modelle für sozial und landschaftlich integrierte Gewerbegebiete:
Hybride Räume
Die Studierenden entwerfen Gewerbegebiete als hybride Räume von Produktion, Konsum, Freizeit und Landschaft. Ausgangspunkt ist die Identifikation jener Nutzungen, die die Gebiete heute bereits prägen, jedoch häufig unsichtbar bleiben. Diese sollen räumlich sichtbar gemacht, mit Freiräumen verbunden und in Beziehung zur umgebenden Kulturlandschaft gesetzt werden.
Multifunktionale Räume
Dabei geht es nicht um eine funktionale Verbesserung von Gewerbegebieten, sondern um die Entwicklung neuer Qualitäten für Alltag, Arbeit und Aufenthalt. Die Entwürfe sollen zeigen, wie Gewerbegebiete langfristig zu produktiven, multifunktionalen und klimatisch resilienten Landschafts-, Stadt- oder Dorfbausteinen werden können.
Atmosphärische Räume
Die vorgeschlagenen Raumstrukturen dürfen auch Nachverdichtung, Transformation und neue Nutzungen integrieren. Entscheidend ist die Formulierung einer klaren räumlichen und atmosphärischen Idee, die den Entwurf auf allen Maßstabsebenen trägt.
Neue Bilder im Klimawandel
Die Herausforderung besteht darin, einen Stadtraumtyp neu zu denken, der bislang kaum als Entwurfsaufgabe verstanden wird. Die Frage, wie Gewerbegebiete künftig aussehen und funktionieren könnten, ist offen und aktuell. Hier müssen gerade mit Bezug zu den Herausforderungen des Klimawandels neue Bilder, neue Typologien und neue Beziehungen zwischen Produktion, Landschaft und Alltag entstehen.
In dieser Projektplattform haben Sie freie Maßstabswahl:
- Städtebaulicher und freiraumplanerischer Entwurf eines konkreten Gewerbegebiets in der Region (1:500–1:5.000)
- Entwicklung eines entwerferischen Landschaftskonzepts für mehrere Gewerbestandorte im Etschtal (1:10.000–1:25.000)
- Kombination beider Ebenen
Projektexkursion nach Verona (Italien – Bitte prüfen Sie ggf. Ihr Visum).
Zeitraum: Dienstag, 03.–Samstag, 07. November 2026
An- und Abreise: selbstorganisiert; die Unterkunft bucht LAREG
Die Entwurfsphase wird schon zwei Wochen vor Semesterende mit der Entwurfspräsentation beendet. In einer anschließenden „Research through Design“-Phase werden die Entwürfe zusammengeführt und vergleichend ausgewertet. Ziel ist es, aus den Arbeiten übertragbare Freiraumtypologien und Strategien für Gewerbegebiete abzuleiten.
Untersucht wird, welche neuen Ansätze zur Verbindung von Gewerbe, Kulturlandschaft, Klimaanpassung und sozialem Alltagsleben entwickelt wurden und welche Potenziale sich daraus für andere Standorte ergeben.
Um das Entwerfende Forschen einzuüben, werden wir an einzelnen Montagvormittagen im Semester das Forschungs-Seminar (Integration) durchführen.
Phase I . Entwerferische Analyse
Mo, 12.10.2026 Allgemeine Vorstellung & Themeneinführung
(Di, 13.10.2026 Ausgabe einer Start-Aufgabe (online))
Mo, 19.10.2026 Analysebetreuung I, Vorstellung der Aufgabe, Gruppenbildung
Mo, 26.10.2026 Analysebetreuung II
Mo, 02.11.2026 Analysebetreuung III / Exkursionsvorbereitung
03.11.–07.11.2026 Exkursion
Mo, 09.11.2026 Analysebetreuung IV und Entwicklung Konzeptansatz
Mo, 16.11.2026 Präsentation Analyse und Konzeptansatz
Phase II . Entwurfsphase
Mo, 23.11.2026 (Vormittag+Nachmittag) Konzeptionelles Entwerfen
Mo, 30.11.2026 Vertiefung Entwurf I
Mo, 07.12.2026 (Vormittag+Nachmittag) Vertiefung Entwurf II
Mo, 14.12.2026 Zwischenpräsentation Entwurf
Mo, 21.12.2026 (Vormittag+Nachmittag) Vertiefung Entwurf III
24.12.2026 – 01.01.2027 Winterferien
Mo, 04.01.2027 Vertiefung Entwurf IV
Mo, 11.01.2027 Vertiefung Entwurf V
Mo, 18.01.2027 Entwurfspräsentation (Hauptpräsentation)
Phase III . Entwerfendes Forschen
Mo, 25.01.2027 Betreuung Entwerfendes Forschen
Mo, 01.02.2027 Präsentation Entwerfendes Forschen / Semesterabschluss




