Lehrstuhlgeschichte

Gegründet 1908 als Lehrstuhl für Entwerfen und Städtebau, spiegelt die Geschichte der Professur verschiedene Epochen des deutschen Städtebaus in ihren Personen und Positionen wider. Die jeweiligen Professor*innen spielten dabei jeweils auch eine aktive Rolle in der Stadt München und prägten das Geschehen in der Stadt auf unterschiedliche Art und Weise. 2021 steht eine weitere fundamentale Veränderung an: Die Fakultät für Architektur und damit auch die Professur für Urban Design gehen nach über 150-jähriger Existenz in die School of Engineering und Design auf. Wir sehen diesen Umbruch als Chance für eine stärkere Internationalisierung und interdisziplinäre Verknüpfung unserer Arbeit.

 

1908 – 1929: Theodor Fischer

Theodor Fischer (1862 - 1938) wirkte zwischen 1893 und 1901 als Leiter des Münchner Stadterweiterungsreferats. Sein Bebauungs- und Erschließungsplan mit der sogenannten Staffelbauordnung, der bis 1970 Verbindlichkeit besaß, prägt große Teile Münchens mit einem an bestehenden Parzellen orientierten, organischen und räumlich prägnanten Städtebau. 1901 folgte Fischer einem Ruf an die Technische Hochschule Stuttgart, in seinem Büro arbeiteten unter anderem Bruno Taut und Paul Bonatz. 1908 wurde er als Professor für Entwerfen und Städtebau an die Technische Hochschule München berufen, womit die hiesige Städtebaulehre begründet wurde. Fischer war als Städtebauer bis zum 1. Weltkrieg sehr bedeutsam.

 

1930 – 1949: Adolf Abel

Adolf Abel (1882 - 1968) war Stadtbaudirektor in Köln, bevor er im 1930 auf auf die Professur für Baukunst und Städtebau an die Fakultät für Architektur berufen wurde. Gemeinsam mit seinem Kollegen Robert Vorhoelzer öffnete er die Fakultät für eine moderne Architekturauffassung entgegen der Dominanz des als konservativ geltenden German Bestelmeyer. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten fielen öffentliche Aufträge an regimetreuere Architekten, Abel zog sich in die innere Emigration zurück. Gegen Ende seiner Amtszeit erteilte ihm das Naziregime ein Lehrverbot. Nach dem Krieg zog sich Abel von München zurück, da seine Ideen für die Umgestaltung des Hofgartens nicht verwirklicht wurden, und wirkte u.A. in Stuttgart weiter.

 

1954 - 1960: Georg Werner

Trotz seiner Distanzierung und Kritik an der Architektur im nationalsozialistischen Deutschland machte Georg Werner (1894 - 1964) Karriere unter Albert Speer. Nachdem er für zwei Jahre als Leiter des Stadtbaureferats von Augsburg den Wiederaufbau der Fuggerstadt geleitet hatte, wurde er von der Professur für Hochbaukunstruktion (1950) 1954 auf den Lehrstuhl für Entwerfen und Städtebau berufen. Wie Robert Vorhoelzer war Werner ein wichtiger Vertreter der Münchener Postbauschule. Er realisierte verschiedene Bauten in München, und kritisierte die Stadt aber auch für ihre zaghafte Haltung in der Modernisierung.

 

1961 – 1987: Gerd Albers

Gerd Albers (1919 - 2015) studierte bei Ludwig Hilberseimer und Ludwig Mies van der Rohe am IIT Chicago und promovierte anschließend an der RWTH Aachen. Er war insbesondere von der soziologisch ausgerichteten Schule von Chicago geprägt. Nach seiner Tätigkeit als Oberbaudirektor in Darmstadt wurde er 1961 an die Technische Hochschule München auf die Professur berufen, die nun als Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung geführt wurde. Von 1965 bis 1968 war er außerdem Rektor der Hochschule. Albers ist verantwortlich für eine Vielzahl von Publikationen zu den verschiedenen Entwicklungen innerhalb des Städtebaus während seiner aktiven Zeit, also der 1960er, 1970er und 1980er Jahre, die er entscheidend mitbeeinflusste. Er gilt damit als einer der einflussreichsten und international wirksamsten deutschen Städtebauer. 1964 war er Mitbegründer der Zeitschrift Stadtbauwelt. Zudem begründete er das städtebauliche Aufbaustudium, das heute Teil der Ausbildung im Baureferendariat ist (seit 2019 als Public Planning Lab). Albers war u.a. Präsident der DASL und der Bayerischen Akademie der schönen Künste.

 

1988 - 2003: Ferdinand Stracke

Nach Tätigkeiten als praktizierender Architekt gemeinsam mit Max Guther in Darmstadt war Ferdinand Stracke (*1935) ab 1975 Professor für Städtebau, Landesplanung und Wohnungswesen an der TU Braunschweig. Im Jahre 1988 folgte er dem Ruf an den Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung an die TU München. Er war wesentlich für die Neuorganisation der interdisziplinären Ausbildung für das Bayerische Baureferendariat verantwortlich. In den Jahren 1996 bis 1998 war zudem er Dekan der Fakultät. Neben seinen Tätigkeiten als Architekt, Stadtplaner und Lehrer wirkte er als Preisrichter und Vorsitzender in einer Vielzahl von Wettbewerben und als Mitglied verschiedener Institutionen. Mit Publikationen wie der „Hochhausstudie“, der Studie zum „Mittleren Ring“ und „WohnOrt München – Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert“ beteiligte er sich aktiv am öffentlichen Diskurs mit Relevanz bis in die Gegenwart und war neben zahlreichen Großwohnanlagen und Stadtentwicklungsplanungen in ganz Deutschland beispielsweise auch für die Realisierung des dritten Bauabschnitts von Neuperlach Süd verantwortlich.

 

2003 – 2018: Sophie Wolfrum

Sophie Wolfrum studierte Raumplanung an der TU Dortmund und führt seit 1989 ihr Büro für Architektur und Stadtplanung in Stuttgart gemeinsam mit Alban Janson. 1995 bis 1996 hatte sie eine Gastprofessur an der Universität Kassel inne. Nach beruflicher Tätigkeit in der Verwaltung in Deutschland und Tansania wurde Sophie Wolfrum 2003 zur Professorin für Städtebau und Regionalplanung an die TU München berufen. In den Jahren 2011 bis 2014 war sie Dekanin der Fakultät. Sie sieht sich wissenschaftlich an der Schnittstelle zwischen Urbanistik und Architektur und widmete sich in ihrer Arbeit insbesondere Fragen der Umnutzung und Umgestaltung. Sophie Wolfrum ist Herausgeberin zahlreicher wichtiger Publikationen zum Thema Städtebau, wie u.a. dem „Theodor Fischer Atlas. Städtebauliche Planungen München“ oder „Multiple City. Stadtkonzepte 1908 / 2008“.

 

Seit 2018: Benedikt Boucsein